Startseite
Über...
Zitate
Gedichte
Archiv
Gästebuch
Kontakt



designed by
Meril Tinnuwen


Schöne Jugend (Gottfried Benn)
Der Mund eines Mädchens, das lange im Schilf gelegen hatte,
sah so angeknabbert aus.
Als man die Brust aufbrach, war die Speiseröhre so löcherig.
Schließlich in einer Laube unter dem Zwerchfell
fand man ein Nest von jungen Ratten.
Ein kleines Schwesterchen lag tot.
Die anderen lebten von Leber und Niere, tranken das kalte Blut und hatten
hier eine schöne Jugend verlebt.
Und schön und schnell kam auch ihr Tod:
Man warf sie allesamt ins Wasser.
Ach, wie die kleinen Schnauzen quietschten!
 
Fahrt über die Kölner Rheinbrücke bei Nacht (Ernst Stadler)
Der Schnellzug tastet sich und stößt die Dunkelheit entlang.
Kein Stern will vor. Die ganze Welt ist nur ein enger, nachtumschienener Minengang.
Darein zuweilen Förderstellen blauen Lichtes jähe Horizonte reißen: Feuerkreis
Von Kugellampen, Dächern, Schloten, dampfend, strömend... nur sekundenweis
Und wieder alles schwarz. Als führen wir ins Eingeweid der Nacht zur Schicht.
Nun taumeln Lichter her... verirrt, trostlos vereinsamt... mehr... und sammeln sich... und werden dicht.
Gerippe grauer Häuserfronten liegen bloß, im Zwielicht bleichend, tot - etwas muss kommen... o, ich fühl es schwer
Im Hirn. Eine Beklemmung singt im Blut. Dann dröhnt der Boden plötzlich wie ein Meer:
Wir fliegen, aufgehoben, königlich durch nachtentrissne Luft, hoch übern Strom. O Biegung der Millionen Lichter, stumme Wacht,
Vor deren blitzender Parade schwer die wasser abwärtsrollen. Endloses Spalier, zum Gruß gestellt bei Nacht!
Wie Fackeln stürmend! Freudiges! Salut von Schiffen über blauer See! Bestirntes Fest!
Wimmelnd, mit hellen Augen hingedrängt! Bis wo die Stadt mit letzten Häusern ihren Gast entlässt.
Und dann die langen Einsamkeiten. Nackte Ufer. Stille. Nacht. Besinnung. Einkehr. Kommunion. Und Glut und Drang.
Zum Letzten, Segnenden. Zum Zeugungsfest. Zur Wollust. Zum Gebet. Zum Meer. Zum Untergang.
                                                                                                                                        
Mondnacht im Sommer (Arno Holz)
Hinter blühenden Apfelbaumzweigen
steigt der Mond auf
Zarte Ranken
blasse Schatten
zackt sein Schimmer in den Kies
lautlos fliegt ein Falter.
Ich wandle wie trunken durch sanftes Licht,
die Fernen flimmern
Selig silbern blitzt Busch und Gras
Das Tal verblinkt,
aus weichstem Dunkel,
traumsüß flötend, schluchzend, jubelnd.
Mein Herz schwillt über,
die Nachtigall!
                                                       
Aus (Kurt Tucholsky)
Einmal müssen zwei auseinandergehn;
einmal will einer den andern nicht mehr verstehn - -
einmal gabelt sich jeder Weg - und jeder geht allein -
                 wer ist daran schuld?
Es gibt keine Schuld. Es gibt nur den Ablauf der Zeit.
Solche Straßen schneiden sich in der Unendlichkeit.
Jedes trägt den andern mit sich herum -
                 etwas bleibt immer zurück.
Einmal hat es euch zusammengespült,
ihr habt euch erhitzt, seid zusammengeschmolzen und dann erkühlt -
Ihr wart euer Kind. Jede Hälfte sinkt nun herab -:
                 ein neuer Mensch.
Jeder geht seinem kleinen Schicksal zu.
Leben ist Wandlung. Jedes Ich sucht ein Du.
Jeder sucht seine Zukunft. Und geht mit stockendem Fuß,
vorwärtsgerissen vom Willen, ohne Erklärung und ohne Gruß
                 in ein fernes Land.
                                                                                           
Ein Gleiches (Johann Wolfgang von Goethe)
Über allen Gipfeln
Ist Ruh,

In allen Wipfeln
Spürest du

Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.

Warte nur, balde
Ruhest du auch.
      
La Peste (R. Desnos)
Dans la rue un pas retentit. La cloche n'a qu'un seul
battant. Où va-t-il le promeneur qui se rapproche
lentement et s'arrête par instant. Le voici devant
la maison. J'entends son souffle derrière la porte.


Je vois le ciel à travers la vitre. Je vois le ciel où les
astres roulent sur l'arête des toits. C'est la grande
Ourse ou Bételgeuse, c'est Vénus au ventre blanc, c'est
Diane qui dégrafe sa tunique près d'une fontaine de lumière.


Jamais lunes ni soleils ne roulèrent si loin de la
terre, jamais l'air de nuit ne fut si opaque et si
lourd. Je pèse sur la porte qui résiste ...


Elle s'ouvre enfin, son battant claque contre le
mur. Et tandis que le pas s'éloigne je déchiffre
sur une affiche jaune les lettres noires du mot <<Peste>>.


Je trahirai demain (Marianne Cohn)
Je trahirai demain pas aujourd'hui.
Aujourd'hui, arrachez-moi les ongles,
Je ne trahirai pas.


Vous ne savez pas le bout de mon courage.
Moi je sais.
Vous êtes cinq mains dures avec des bagues.
Vous avez aux pieds des chaussures
Avec des clous.


Je trahirai demain, pas aujourd'hui,
Demain.
Il me faut la nuit pour me résoudre,
Il ne me faut pas moins d'une nuit
Pour renier, pour abjurer, pour trahir.


Pour renier mes amis,
Pour abjurer le pain et le vin,
Pour trahir la vie,
Pour mourir.


Je trahirai demain, pas aujourd'hui.
La lime est sous le carreau,
La lime n'est pas pour le barreau,
La lime n'est pas pour le bourreau,
La lime est pour mon poignet.


Aujourd'hui je n'ai rien à dire,
Je trahirai demain.

Gratis bloggen bei
myblog.de